wo perfektion nicht hinderlich sondern notwendig ist und buchstaben musik machen – handsatzdruck in eimsbüttel – eine fotoreportage

moin ihr lieben,

wisst ihr, das Bloggen öffnet mir ja so manche hamburger Tür… und ich darf super interessante Hamburger kennenlernen, ihnen Löcher in den Bauch fragen und lerne so – ganz nebenbei – auch noch die Menschen meines Stadtteils kennen.
So eine Geschichte möchte ich euch heute auch erzählen. Die Geschichte heißt: Wie ich den Handsatzdrucker aus meiner Eimsbütteler Nachbarschaft traf, und mich in sein Handwerk verliebte. Neugierig? Dann bitte sehr:

Es ist schon eine ganze Weile her… genaugenommen fast ein Jahr, als ich auf dem Weidenstiegfest in Eimsbüttel Chistian Beintker traf. Herr Beintker hatte vor seinem Ladengeschäft, seiner Druckerei einen Stand mit handgesetzten Postkarten… und die haben einen totalen Reiz auf mich ausgeübt. Ich fand sie einfach wundervoll, schlicht, aussagestark und irgendwie perfekt.
So sprach ich ihn an, den Drucker vom Weidenstieg und fragte ihn, ob ich ihn mal kontaktieren dürfe um sein Handwerk kennenzulernen.

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Gesagt, getan. Ein paar Tage später rief ich Herrn Beintker an und wir verabredeten uns in seiner Druckerei. Ich klemmte mir einen Notizblock und meine Kamera unter den Arm und besuchte dieses besondere Geschäft am Weidenstieg.
Und stellt euch vor, ich durfte annähernd 3 Stunden bei der Handsatzdruckerei zusehen, erlebte die Präzision und Leidenschaft für das Handwerk. … und ganz nebenbei entstand diese kleine Fotoreportage über die Arbeit eines Handsatzdruckers der alten Schule.

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In so einer Druckerei gibt es neben speziellen Begriffen und Geräuschen auch eine besondere Ordnung und jede Menge Schubladen. In der Druckerei GRAHT & KASPAR gibt es unvorstellbare 630 Schubladen. In den Schubladen befinden sich jede Menge Bleibuchstaben (da geht es um die Gewichtsangabe Tonnen – nämlich 8 t Blei!)  aus 30 Schriftfamilien. Schlichte Schriften, welche mit ausgeprägten Serifen… da ist für jeden etwas dabei.
Herr Beintker setzt von Geburts- oder Todesanzeigen über Hochzeitseinladungen bis zu Geschäftsbriefpapier und Visitenkarten – also zu so ziemlich allen Anlässen persönlich zusammengestellte Druckaufträge.  Dabei soll der Schrifttyp zum Typ des Auftraggebers passen und da sind dem Ideenreichtum fast keine Grenzen gesetzt. Es gibt z.b. Visitenkarten in Form einer Currywurstpappe, das Einbauen eines Logos ist immer möglich und das ganze geht in Eilaufträgen sogar innerhalb von zwei Tagen.
Druckaufträge die öfter benötigt werden, haben eigene Schubladen, in denen die Schriftsätze abgelegt werden und auf ihren nächste Einsatz warten… wie beispielsweise der Druckatz für die handgeprägten Briefumschläge für die Chefetage eines großen hamburger Zeitschriftenverlages.

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Manchmal ereignen sich hier auch richtiggehend rührende Szenen. So gab zum Beispiel vor einer Weile eine Kundin eine Geburtsanzeige für ihr Kind in Auftrag, und als sie vor Ort in der Druckerei stand, da kam ihr alles so seltsam vertraut vor… sie erinnerte sich, als Kind mal in Begleitung ihres Vaters im Laden gewesen zu sein und Herr Beintker fand in den alten Ordnern sogar eine viele Jahre alte Geburtsanzeige, die die Geburt der heutigen Kundin anzeigte. So bleiben Kunden über Generationen… das finde ich schon sehr anrührend, oder?
Die Handsatzdruckerei GRAHT & KASPAR besteht seit 1891 und Herr Beintker hat sie, nachdem er noch ein Jahr mit seinem Vorbesitzer zusammenarbeiten durfte, nach zwei Generationen im Familiebetrieb, vom 86 Jahre alten Vorgänger übernommen. Dabei musste er sich durchaus mehrfach der Nachfolge würdig erweisen und erstellte einen wundervollen Schriftsatz für einen Geigenbauer, den er als seine persönliche „Besteigung der Eiger Nordwand“ bezeichnet. Während er mir das erzählt, fällt der Satz:

Spationieren ist die Kunst der Typografie.

Was für ein Satz. Dabei geht es um die perfekte Einhaltung von Abständen und Leerräumen und Herr Beintker ist ein solcher Meister seines Faches, dass es dabei um Abstände im Bereich der „Dicke“ von Seidenpapier geht…
Hier ist Perfektion wirklich erforderlich und an richtiger Stelle eingesetzt.

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…Und wenn mal was schief geht, haben Drucker in ihrer Berufssprache eigene, originelle Bezeichnungen für diese Patzer: Ein Zwiebelfisch ist beispielsweise ein Buchstabe, der in der falschen Schriftart im Buchstabenkästchen dazwischenlag…. also falsch abgelegt wurde.
Ich frage Herrn Beintker danach, ob er manchmal bei seiner Arbeit Musik hört… überhaupt frage ich ihn irgendwie auch eine Menge persönliches Zeug… aber diese Stille bei der Arbeit fällt mir besonders auf. Er antwortet mir bemerkenswert. Ja, er höre schon manchmal klassische Musik, aber bestimmte Vorgänge seiner Arbeit haben ihre eigenen Klänge. So beispielsweise würden die Buchstaben, die beim Auflösen eines Drucksatzes zurück in ihr Kästche fallen, ein wundervolles Geräusch machen, oder auch die Druckmaschine, ein mehr als 60 Jahre alter, sogenannter „Heidelberger Tigel“ habe seinen eigenen Sound…. und an diesen Sätzen merke ich, wieviel Leidenschaft in diesem Handwerk steckt.

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Dabei übt Christian Beintker drei Berufe aus. Er ist ausgebildeter Kunstbuchbinder (Designer Bookbinder), Buch- und Graphikrestaurator und Handsatzdrucker. Die Arbeit als Restaurator beschreibt er als eine Tätigkeit, während der er unter hoher Anspannung steht. Beim Restaurieren von Bleistiftzeichnungen eines Soldaten aus dem zweiten Weltkrieg beispielsweise oder Karten, die den ersten Sielbau Hamburgs darstellen, darf natürlich auch nichts schief gehen. Jedoch stößt er beim Restaurieren alter Dokumente, historischer Einbände und Graphiken, auch aus der Epoche der klassischen Moderne, immer wieder auf interessante und aufschlussreiche Spuren, die er stets als Hinweise den Kunsthistorikern und Bibliothekaren mitteilt. Über diese Arbeit veröffentlicht er auch Artikel in Fachzeitschriften. Er habe „eine Leidenschaft für Spurensuche“, da passt es ja hervorragend, dass das Restaurationshandwerk – oder vielleicht besser die Restaurationskunst – detektivische Anteile beinhaltet.

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Zurück zum Drucken. Die Druckergebnisse prüft Christian Beintker mehr als ein mal. Oft hat er jede Visitenkarte mindestens zwei mal in der Hand. Er prüft Drucktiefe, Prägung und Farbstärke… und jeder Kunde kann sich sicher sein, dass er nur 1 a Ware ausgehändigt bekommt.
Derartige Präzision fasziniert mich sehr und die Arbeisabläufe zu beobachten, wie sie super routiniert und konzentriert abliefen hatte etwas sehr beruhigendes.
Ganz in Mode ist ja im Moment ein Druckverfahren, dass sich „Letterpress“ nennt. Hier wird zwar auch auf alten Maschinen gedruckt, aber bei näherem Hinsehen mit Platten aus Plastik, die vorher am Computer gesetzt wurden.
Bei Herrn Beintker gibt es noch das Original und das wird auch so bleiben. Druck von beweglichen Buchstaben (Lettern), so wie Gutenberg ihn vor über 555 Jahren erfunden hat….
Herzlichen Dank, lieber Herr Beintker, für diesen tollen Einblick in Ihre Kunst.

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Christian Beintker
Weidenstieg 7 – Eimsbüttel
Tel:  040.490 33 01

Ich sage Euch, in Eimsbüttel wirds nie langweilig.

Ahoi sagt Eure Anja

6 Antworten

  1. 4
    Marcus says:

    Ich bin nur per Zufall auf diese Seite mit dem Artikel gestoßen, da in besagter Druckerei eine Visitenkarte mit einer Bleisatzschrift gedruckt wurde, die ich optisch nicht einordnen konnte. Ich habe selbst solch eine Druckerei und finde es toll, daß es noch andere Menschen wie mich gibt, die noch richtigen Bleisatz von Hand machen … Letterpress ist zwar in aller Munde aber irgendwie nicht das Richtige! Bemerkenswert finde ich, dass Herr Beintker auch noch auf einem Boston Tiegel druckt, da ist dann wirklich alles 100% handgemacht! Vielleicht schaue ich mal vorbei, wenn ich Freunde in Hamburg besuche.

  2. 3

    Moin Anja,
    danke für den schönen Bericht. Ich liebe alte Handwerke und die dazu gehörigen Werkstätten, Maschinen und Werkzeuge. Wirklich sehr schön.
    Lieber Gruß,
    Sabine

  3. 2

    Immer wieder spannend und faszinierend – Menschen, die mit Leidenschaft einem Handwerk nachgehen, der Blick in Werkstätten und hinter die Kulissen, Danke für diese Reportage, da werde ich beim nächsten Mal im Weidenstieg genauer hinschauen, das Lädchen kannte ich noch gar nicht. Beste Grüße, Dagmar

  4. 1

    Oh, wie toll! Ich habe ja Buchwissenschaft studiert und die historischen Bereiche haben mir immer am meisten Freude gemacht. Wir haben auch mal in der „Lehrdruckerei“ selbst gelernt, wie das alles früher funktionierte. Da geht mir richtig das Herz auf. Sehr schön finde ich auch immer noch die Begriffe Schusterhunge und Hurenkind, obwohl letzteres ja eher politisch unkorrekt ist… ;)! Ich stehe auch total auf all die großen alten Buchstaben, die dort lagern. Andere stehen auf große Neonbuchstaben, mich macht so ein Setzkasten glücklich!

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